FILIALE

Martin Kähler
Battibaleno
Jan 15Mar 12 2022

Der titelgebende Begriff „Battibaleno“ aus dem Italienischen bedeutet so viel wie „im Nu“, „Im Handumdrehen“ oder „ein Sekundenbruchteil“ und beschreibt damit die fragile Momentaufnahme, die den Arbeiten von Martin Kähler innewohnt. „Baleno“ – der Blitz – entfesselt sich von einem auf den anderen Moment und verschwindet im Nächsten. 

Kählers Arbeiten sind gekennzeichnet durch ihre zerbrechliche Anmutung. Dem oberflächlichen Blick nach scheinen die Skulpturen zufällig arrangiert, ohne ihre eigentlich äußerst präzise Balance innerhalb des Werkkörpers zu offenbaren. Konstrukte aus vermeintlich stabilen Baustoffen und Fundstücken bilden einen Akt des überaus fragilen Gleichgewichts, wobei auch das Beiläufige zur Strategie wird. Dabei spiegelt die Zusammenstellung der Materialien diese gewisse Diskrepanz wider: neben bearbeiteten industriellen Aluminiumplatten lassen povere Materialien wie Stroh, Reet oder Holz ihre Zeitlichkeit ablesen und zeugen von ihrem natürlichen Alterungsprozess, ihrer Vergänglichkeit, ihrem Zerfall. In seiner Aneignung der Materialien entstehen Spuren und Rückstände seines Eingriffs wie Finger- und Fußabdrücke auf hochglänzenden Aluminiumplatten, porösem Gips oder gebogenem Draht und Stahl, welche die körperliche Aktion und Ertüchtigung veranschaulichen. Die Polarität der Materialien, die im besten Sinne mit- und gegeneinander arbeiten, erzeugen – unter Spannung gelegt –  ein kalkuliertes Arrangement, was einerseits in sich ruht und andererseits im nächsten Moment zu kollabieren droht. 

Die Arbeit „Sinners Altar“ reflektiert die inhaltliche Umdeutung von Riten im Alltag. Grundlage der Arbeit ist der Brauch, Mafiosi im erzkatholischen Italien trotz ihrer Sündhaftigkeit einen Altar zur Verehrung zu bauen. Auf die Errichtung der Denkmäler für die „falschen Heiligen“ folgt oft unweigerlich ihre Zerstörung.

„Battibaleno“ ist Martin Kählers vierte Einzelausstellung in der FILIALE. Er studierte an der Gerrit van Rietvelt Akademie in Amsterdam und an der Städelschule Frankfurt bei Tobias Rehberger, wo er 2016 sein Studium abschloss. Kähler lebt und arbeitet in Bergamo und Heidelberg.

Katharina Baumecker