FILIALE

Laura Schawelka
Permanent Set
Sep 10Oct 22 2022

Mit Permanent Set zeigt Laura Schawelka ihre vierte Einzelausstellung in der FILIALE.

Ausgangsmaterial ihrer künstlerischen Strategie sind verschiedene Bilder und Reproduktionen, die durch ihren (fehlerhaften) Moment den eigenen Herstellungsprozess offenlegen und die sie in Fotografien, Videos und Installationen überträgt. Dabei beschäftigt sie sich mit verschiedenen Formen von Übertragungsfehlern und imaginärer Authentizität in diversen Vervielfältigungsverfahren, die die Produktionsweise entlarven und die Rezeption der durch das Medium vermittelten Botschaft unterbrechen.

Eines dieser Reproduktionsverfahren ist der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Seine Erfindung Mitte des 15. Jahrhunderts leitete eine Demokratisierung der Schaffung und Verbreitung von Informationen, frei von der Kontrolle durch Kirche und Obrigkeit, ein. Gleichzeitig brachte diese kommerzielle Form der Kopie die Erkenntnis, dass sowohl das geschriebene Wort wie auch künstlerische Ausdrucksformen reproduzierbar sind. Rund 400 Jahre später konnten die Modi der bildlichen Darstellung in gewisser Weise mit der Erfindung der Fotografie kopiert werden. Ein weiteres Reproduktionsmoment sind die kommerziell vertriebenen architektonischen Verblendungen, die hochwertige Steinstrukturen imitieren und primär als Hülle funktionieren. Kommerzielle Druckerzeugnisse und Fassadenstrukturen bilden motivisch den Schwerpunkt der ausgestellten Arbeiten in der Ausstellung.

Ausgangspunkt von Laura Schawelkas Überlegung bildet die Fotografie eines Details aus einer Inkunabel aus dem Jahr 1482, „Reise ins Gelobte Land“ von Hans Tucher. Die „gefallene Type“ – fallen type – zeigt den Abdruck einer Drucktype, die während des Druckvorgangs versehentlich herausgehoben und auf der Buchseite eine Abformung ihres exakten Profils hinterlassen hat. Im inhaltlichen Kontext des Buches eine Fehlstelle, gibt dieser Übertragungsfehler wertvolle Einblicke in die Umstände des Reproduktionsverfahrens preis. Aus dem 2-dimensionalen Druckerzeugnis eröffnet sich ein 3-dimensionaler Herstellungsprozess. Vergleichbare Erweiterungen in gegenwärtigen Bildern zeigen die Arbeiten Untitled (JD Sports) und Untitled (Ole Lynggaard Copenhagen): Als Werbefotografien geben sie unfreiwillig und eher zufällig Einblicke in ihren Herstellungkontext und eine gewisse Inszenierung der eigenen Produktion, abstrakt in der Reflektion des Blitzes in goldenen Perlen oder gar in der Reflektion des Fotostudios.

Eine weitere Form der Vervielfältigung nutzte Madame Tussaud ab Anfang des 19. Jahrhunderts in ihrem Wachsfigurenkabinett. Die Arbeit Kendall Jenner at Madame Tussauds Berlin zeigt die traurig fake daherkommende Wachsfigur der berühmten Tochter der Kardashian-Jenner-Familie, die wirkt, als ob sie sich ihrer Künstlichkeit bitter bewusst sei. In Schawelkas Arbeiten wird die Dynamik durch Fehler und Defekte destabilisiert und das Verhältnis zwischen Vervielfältigung, Interpretation und Reproduktion sowie deren Konsum in Frage gestellt.

Laura Schawelka studierte bei Tobias Rehberger an der Städelschule und absolvierte ihren Master of Fine Arts am California Institute of the Arts in Valencia bei Los Angeles. Neben Residencies in Paris und Wien wurde sie 2019 mit dem Q21 viennacontemporary Preis ausgezeichnet. 2021 erhielt sie das Recherchestipendium des Berliner Senats. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 

Katharina Baumecker