Robin Stretz
Provincials
30 Apr – 6 Jun 2026
Anders als ihr Titel vermuten lässt, zeigt Robin Stretz’ Aquarellserie Provincials keine Motive aus der Peripherie, sondern Häuser, die mitten in Los Angeles stehen. Obwohl sich auf den einzelnen Aquarellen allesamt Notizen zur jeweiligen Nachbarschaft, nahegelegenen Geschäften oder Sehenswürdigkeiten und sogar die exakten Adressen befinden, rufen sie zunächst Orientierungslosigkeit hervor – und dies mindestens im doppelten Sinne. Zum einen geographisch: Straßennamen wie der Beverly Boulevard oder die South Figueroa Street, oder spätestens die Stadtkarte zeigen klar, dass wir uns an der Westküste der USA befinden. Der erste Blick auf die Provincials lässt aufgrund der Baustile jedoch einen mitteleuropäischen Standort vermuten. Schnell fragt man sich dann allerdings, in welcher Region sowohl Fachwerkhäuser als auch Reetdächer, britische Cottages, Windmühlen und sogar ein Leuchtturm zu sehen sind.
Die Irritation, ein solches Potpourri vertrauter europäischer Baustile mitten in Los Angeles anzutreffen, war für Stretz Ausgangspunkt seiner Recherche zu diesen sogenannten Storybook-Häusern, die 2021 im Rahmen seines Aufenthaltes in der Villa Aurora begann. Eine exakte Eingrenzung der Merkmale von Storybook-Architektur lässt sich nur schwer vornehmen. Am ehesten kann man den Stil durch den Begriff Period Revival fassen, denn alle Häuser eint, dass sie Elemente bestimmter Epochen und Gegenden wieder aufleben lassen. Die meisten wurden zwischen 1920 und den frühen 1940ern in LA und Umgebung gebaut.
Dass Stretz gerade das Medium des Aquarells wählt, um diese Häuser zu dokumentieren, verweist auf eine lange Tradition des künstlerischen Reisens und Aufzeichnens. Historisch ist das Aquarell eng mit Formen der Bildungsreise verbunden: mit Skizzenbüchern, architektonischen Studien, topographischen Ansichten und jenem Gestus des Festhaltens, der das Gesehene zugleich belegt und ästhetisch verarbeitet. Im Kontext der Grand Tour diente das Aquarell nicht nur dazu, Eindrücke zu sammeln, sondern auch dazu, Bildung sichtbar zu machen. Wer reiste, zeichnete; wer zeichnete, dokumentierte damit nicht nur Orte, sondern auch die eigene Anschauung, den eigenen Geschmack und die eigene kulturelle Aneignung des Gesehenen. Im lokalen Kontext von Los Angeles hat das Aquarell auch noch eine besondere Funktion. Dort ist es für Immobilienmakler*innen üblich Verkäufer*innen nach erfolgreicher Vermittlung ein Aquarell ihres Hauses als Andenken zu schenken.
Die Gebäude, in den Aquarellen von ihrer direkten Umgebung freigestellt, erscheinen nicht als eingebettete Bestandteile einer Stadtgeschichte, sondern als beinahe autonome Bildobjekte – als würden sie, ähnlich den ihnen zugrunde liegenden Stilzitaten, aus Raum und Zeit herausgelöst. Die handschriftlichen Notizen neben den Gebäuden ziehen es zurück in ein Register des Dokumentarischen, Kartographischen und Alltäglichen. Die Hinweise verankern die Bilder in einer konkreten Topografie, auch wenn die gemalten Häuser selbst diese Verortung zunächst unterlaufen. Gerade in diesem Widerspruch erzeugen beide Ebenen eine Form der Orientierung, die nicht stabil ist, sondern immer wieder in neue Irritation umschlägt.
Ein anderer Aspekt des Projekts sind die Erwartungen, die an zeitgenössische Künstler*innenresidenzen geknüpft sind. Zum einen die stillschweigende Forderung, aus dem Aufenthalt etwas Sichtbares, Lesbares, kurz: irgendeine Form von Mehrwert zu generieren; zum anderen die künstlerische Auseinandersetzung mit lokalen Phänomenen, um aktuelles, politisch relevantes oder zumindest eindeutig ortsspezifisches Material in die eigenen Projekte einfließen zu lassen. Stretz trifft hingegen die bewusste Entscheidung, sich mit etwas zu beschäftigen, das auf den ersten Blick oberflächlich oder „nicht authentisch“ erscheint – und das zugleich überraschend nah an dem europäischen Kontext liegt, aus dem er selbst stammt. Die Storybook-Häuser werden so zusätzlich zu einem Untersuchungsfeld für Fragen von künstlerischer Authentizität.
So erscheinen die Provincials letztlich nicht nur als Darstellungen von Storybook-Häusern, sondern als Reflexionen über das Darstellen selbst. Durch sie hinterfragt Stretz, was es heißt, einen Ort festzuhalten, dessen zentrales Merkmal bereits in seiner stilistischen und historischen Verrückung besteht; wie man etwas dokumentieren kann, das selbst schon wie ein Bild aussieht; und welche Bildform angemessen ist für eine Architektur, die zwischen Souvenir, Bühne, Zitat und Wohnraum steht.
Anna-Lisa Scherfose